Petra Grimm ist Professorin an der Stuttgarter Hochschule der Medien und Leiterin des Instituts für digitale Ethik. Ihr Aufsatz “Ent-wirklichung – zum Vertrauen in Zeiten der digitalen Infodemie” ist Teil der der dritten Publikation in der Schriftenreihe “Mensch und Digitalisierung” der Bischöflichen Medienstiftung. Sie fragt darin unter anderem, weshalb das, was wirklich wahr ist, im Zeitalter der digitalen Kommunikationswelt eine unsichere oder gar mit Misstrauen behaftete Angelegenheit geworden sei. Sie analysiert Nutzung und Relevanz der sozialen Medien bei unterschiedlichen Zielgruppen und erläutert, welche Fähigkeiten im Umgang mit Information zur Meinungsbildung in einer digitalisierten Gesellschaft notwendig sind. Im Folgenden finden Sie einen Auszug aus ihrem Aufsatz:

„… Dass Desinformation keine Lappa­lie ist, sondern vor allem in vulnerablen Situationen den gesunden Menschenverstand infiziert, zeigen die Fake News in der Corona-Krise: Gefälschte Informationen unter der Tarn­kappe seriöser Quellen wie z. B. im Design der Süddeutschen Zeitung, vielfach geteilte You-Tube-Videos wie z. B. die des anonymen „Odysseus“, der behauptete, ihm seien Informationen über die Epidemie zugespielt worden, die die Presse verschweige,[1] aber auch Kettenbriefe, weitergeleitete WhatsApp-Nachrichten und Verschwörungstheorien auf Face­book schüren Ängste in der Bevölkerung. (Ludwig 2019: 5). Oder sie verharmlosen die Infek­tionsgefahr, polemisieren gegen landesweite Schutzmaßnahmen und verunsichern dadurch ebenfalls die Bevölkerung. Hinzu kommt, dass Desinformationen, auch wenn sie entlarvt werden, dennoch Langzeitwirkungen haben können. Dies ist dann der Fall, wenn ein soge­nannter „Sleeper Effect“ (Hovland et al. 1949) eintritt: Man erinnert sich an das, was gesagt wurde, aber vergisst, wer es gesagt hat. Dieser in der Kommunikationsforschung empirisch und theoretisch mehrfach überprüfte Effekt könnte, so Lindemann (2018), bei Verschwö­rungstheorien und Fake News mit zwei weiteren Effekten gekoppelt sein – dem „Truth Effect“, wonach eine wiederholt rezipierte Nachricht eher für wahr gehalten wird, und  dem „Mere Exposure Effect“, wonach eine wiederholt rezipierte Nachricht besser bewertet wird: „Wenn man von verschiedenen Seiten dieselbe Nachricht präsentiert bekommt, können anfängliche Zweifel über die Verlässlichkeit der Botschaft in den Hintergrund gedrängt werden.“ (Lindemann 2018: 246)

Desinformationen verbreiten sich wie Infoviren. Wie können wir Antikörper entwickeln? Eine Möglichkeit, die Wirkmächtigkeit von Desinformationen zu entkräften, wäre es, deren Ver­brei­tung von vorneherein zu erschweren. Facebooks Maßnahmen, gegen Desinformationen über Corona mittels Künstlicher Intelligenz (KI) vorzugehen, laufen allerdings ins Leere, wenn die KI fälschlicherweise auch seriöse Nachrichtenquellen blockiert (Holland 2020). Das Versprechen, mittels automatisierter Systeme, Desinformation zu verhindern, dürfte auch in Zukunft nur bedingt erfolgreich sein, solange nicht Menschen in ausreichender Zahl das System kontrollieren. Das heißt, die Internet-Plattformen müssten auch ein entsprechend quali­fiziertes Personal beschäftigten und damit ausreichend Geld in die Hand nehmen, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

Die Verantwortung der Internet-Plattformen ist aber nicht nur in Krisenzeiten einzufordern, auch in „normalen“ Zeiten liegt es in ihrer Hand, Desinformationen und gezielte Manipulation zu unterbinden. Dass ein solches Unterlassen gravierende Auswirkungen auf die politischen Verhältnisse eines Landes haben kann, zeigte das Brexit-Referendum, bei dem Facebook eine zentrale Rolle spielte, was der Abschlussbericht des House of Commons „Digital, Culture, Media and Sport Committee“ des Vereinten Königreichs (2019) ausführlich doku­men­tiert.

Desinformationen können aber nicht nur Demokratien destabilisieren, sie können auch Leben kosten, wie die Geschichte zur HPV-Impfung in Japan veranschaulicht: Dort leiden Mädchen und Frauen doppelt so häufig an Gebärmutterhalskrebs wie in den USA. 2013 ließ die Regierung deshalb die HPV-Impfung zu. Die Impfquote lag bei 80 Prozent. Studien konnten nachweisen, dass die Rate von Krebsvorstufen an der Gebärmutter bei geschützten Frauen um zwei Drittel niedriger liegt. Ein durchschlagender Erfolg. Dann tauchten die ersten Fake-Videos auf, in denen angebliche Nebenwirkungen der Impfung zu sehen waren. Sie wurden in den sozialen Medien verbreitet und auch von den klassischen Medien aufge­nommen mit der Folge, dass kaum noch Mädchen und Frauen geimpft wurden. Die Impf­quote sank auf ein Prozent. Das Risiko an Gebärmutterkrebs zu erkranken ist damit wieder deutlich gestiegen (Tauber/Wallenfels 2019). Diese Geschichte veranschaulicht eindrücklich, dass Desinformation im Internet in das „reale“ Leben eingreifen und die Entscheidungs­autonomie von Menschen manipulieren kann.

Was wirklich wahr ist, erscheint im Zeitalter der digitalen Kommunikationswelt eine unsichere, wenn nicht gar mit Misstrauen behaftete Angelegenheit geworden zu sein. Aber warum ist das so? Welche Folgen hat es? Und wie kann Vertrauen, Verständigung und freie Meinungsbildung in der digitalen Kommunikation gelingen?

Ob Corona, Brexit oder die HPV-Impfung – wir können uns über Sachverhalte, die wir nicht aus eigener Erfahrung kennen, nur dann eine vernünftige Meinung bilden, wenn Medien über die Fakten seriös informieren und eine entsprechende Einordnung vornehmen. Wie Hannah Arendt in „Wahrheit und Politik“ (1969/2019: 57f.) ausführt, sind Meinungen „legitim“ (…), solange sie die Integrität der Tatbestände, auf die sie sich beziehen, respektieren. Meinungs­freiheit ist eine Farce, wenn die Informationen über die Tatsachen nicht garantiert sind.“ Sie würde sicherlich einer heute vielfach zu beobachtenden Non-Chalence gegenüber Tat­sachen­behauptungen, die in dem Spruch „Das ist halt meine Meinung“ lakonisch zum Ausdruck kommt, eine Absage erklären. Denn wenn jeder eine Meinung hat, aber nur wenige eine Ahnung, lässt sich ein Konsens über Werte und Prinzipien in der Demokratie schwer erzielen.

Nach Arendt ist eine Verständigung über Tatsachenwahrheiten die Voraussetzung dafür, sich eine Meinung überhaupt bilden zu können. Der Meinungsbildungsprozess selbst, bei dem ich meine Perspektive – wie das Wort Mein in Meinung nahelegt – entwickle, bedarf der Fähigkeit, einen Sachverhalt von verschiedenen Gesichtspunkten aus zu betrachten. Sich eine Meinung zu bilden, heißt für Arendt, sich in mehrere Perspektiven hineinversetzen zu können: „Je mehr solcher Standorte ich in meinen eigenen Überlegungen in Rechnung stellen kann, und je besser ich mir vorstellen kann, was ich denken und fühlen würde, wenn ich an der Stelle derer wäre, die dort stehen, desto besser ausgebildet ist dieses Vermögen der Einsicht (…) und desto qualifizierter wird schließlich das Ergebnis meiner Überlegungen, meine Meinung sein.“ (Arendt 2019: 61f.) Doch wie kann ich mir die unterschiedlichen Stand­orte vergegenwärtigen? Grundlage hierfür kann nur ein Medienangebot sein, das auf Vielfalt der Themen und Perspektiven, Qualitätsjournalismus sowie Presse- und Informationsfreiheit basiert.

Das gegenwärtige Nutzungsverhalten zeigt, dass die Internet-Plattformen – soziale Medien und Suchmaschinen – im Informationsbereich immer mehr an Relevanz gewonnen haben: zum einen, weil sie Schleusenwärter für die Nachrichten klassischer Medien sind, zum anderen, weil soziale Netzwerke und Suchmaschinen zunehmend als (Haupt-)Nach­richtenquelle genutzt werden. Der zunehmende Nachrichtenkonsum über Soziale Medien (für Videoinhalte vgl. Web-TV-Monitor 2019) zeigt sich insbesondere bei den Jüngeren, allerdings zunehmend auch bei den älteren Onlinern. So verdeutlicht der Reuters Institute Digital News Report (Hölig/Hasebrink 2019: 20), dass soziale Medien als wichtigste Quelle für Nachrichten im Internet gegenüber anderen Online-Quellen in den Altersgruppen unter 45 Jahren gelten und jeder zehnte Onliner soziale Medien als Hauptnachrichtenquelle im Internet nutzt. Dieser Trend sowie die verstärkte Meinungsmacht der Intermediäre (Paal 2018) führt, so eine oft geäußerte Befürchtung, zu einer geringeren Meinungspluralität, zu­min­dest bei Menschen, die wenig informiert sind oder zu Radikalisierung neigen (Dubois/Blank 2018). Zwar nutzten bereits in analogen Zeiten Menschen meist nur eine Zeitung mit einer politischen Tendenz, jedoch fungierten diese als Gatekeeper auf der Basis von allgemeingültigen Nachrichtenwerten. Menschen bilden sich heute ihre Meinung zuneh­mend durch von Algorithmen selektierte Inhalte. Damit setzen sich die Nutzer*innen aber dem Risiko aus, auf pseudo- und parajournalistische Inhalte sowie Desinformation zu stoßen. Und diese sind nicht für jede*n als solche erkennbar, oftmals auch, weil sie unter der Tarnkappe der Seriosität Desinformation verbreiten. Aber nicht nur das gefakte Erschei­nungsbild der Inhalte, auch das gleichrangige Nebeneinander journalistischer und pseudo-journalistischer Nachrichten in den Sozialen Medien erschwert es, Wahres von Falschem zu unterscheiden.  Erhält man zudem von Freunden eine solche Nachricht, wird dieser oftmals ein Vertrauensbonus geschenkt, was verständlich ist, denn der Glaubwürdigkeitsgehalt einer Nachricht hängt nicht nur davon ab, wie eine Nachricht gestaltet ist, sondern auch davon, wer sie übermittelt. (…)

Soziale Medien haben sich zu Kampfarenen polarisierender Meinungen entwickelt. Die ur­sprünglich ihnen zugeschriebenen Funktionen (Vielfalt der Meinungen, Demokratisierung der Medienöffentlichkeit, Teilhabe) werden in der Realität durch Dysfunktionen überlagert. (…)

Soziale Medien werden in der subjektiven Erfahrungswelt der Bürger*innen in Baden-Württemberg als eine Welt wahrgenommen, die durch Ängste und Unsicherheit sowie Unwahrheit und Ambivalenz des Wissens gekennzeichnet ist. Die Befunde der qualitativen Befragung im Forschungsprojekt Digitaldialog 21[2] zeigen, dass unabhängig vom sozialen Milieu der Wunsch nach einer vertrauensvollen Informationswelt besteht. Sowohl machtvolle Akteure (wirtschaftlich, informationell oder politisch) als auch Laien („Leute, die keine Ahnung haben“ und „am lautesten schreien“) würden die Diskussionen im Netz zum Nachteil einer freien Meinungsbildung prägen.

Verbunden mit der steigenden Bedeutung der Internet-Plattformen für die Meinungsbildung ist eine Schwächung der klassischen Medien, insbesondere der regionalen bzw. lokalen TV-Sender und der Lokalpresse, sowie ein verschärfter Druck auf den Qualitätsjournalismus. Denn seitdem die Erlöse weg von den Printmedien und dem Rundfunk hin zu den Internet-Plattformen gewandert sind, haben die Medienverlage und Sender immer weniger Einnah­men und die daraus resultierenden Sparzwänge reduzieren die Etats für journalistische Arbeit.

Komplexe liberale Demokratien brauchen ein Mediensystem, das Verständigung, Konsens­bildung und Teilhabe ermöglicht. Voraussetzung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist eine gut informierte Gesellschaft. Qualitätsjournalismus und Vielfalt im Medienangebot sind die Voraussetzungen für eine freie Meinungsbildung, worauf eine liberale Mediendemokratie beruht. Es gibt Anzeichen dafür, dass mit der zunehmenden Marktdominanz und Meinungs­bildungsrelevanz der Internet-Plattformen sowie dem wachsenden Ökonomisierungsdruck auf die klassischen Massenmedien diese drei Säulen ins Wanken geraten. (…)

Bernard Williams hebt in „Wahrheit und Wahrhaftigkeit“ (2013) hervor, dass es einer „Untersuchungsinvestion“ bedarf, wenn man sich eine Meinung bilden möchte: Das würde bedeuten, „dass eine Information – der Erwerb einer wahren Überzeugung bezüglich einer bestimmten Frage – ein Kostenpunkt sein kann im Hinblick auf Zeit, Kraft, vergeudete Chancen und vielleicht auch Gefährdungen. Hier stellen sich also Fragen wie: ‚Wieviel Mühe ist es wert, hierüber etwas herauszufinden?‘ Außerdem können Fragen auftauchen, die sich auf etwas beziehen, was man bereits glaubt oder zu glauben geneigt ist: ‚Bin ich davon wirklich überzeugt? Sollte ich es sein?‘ Es sind Fragen dieser Art, welche die Notwendigkeit der Tugend Genauigkeit signalisieren.“ (Williams 2013: 135f.). Williams Gedanken leiten über zu der Frage, welche Fähigkeiten im Umgang mit Informationen und bei der Bildung einer Meinung in einer digitalisierten Gesellschaft erforderlich sind. Hierzu möchte ich ein zwei­stufiges Kompetenzmodell vorschlagen: das der Information und der Meinungsbildung:

Informationskompetenz ist die Fähigkeit, selbstbestimmt Informationen zu suchen, zu filtern, Medien und Quellen zu bewerten und einzuordnen sowie sie auf Relevanz und Wahr­heitsgehalt hin zu bewerten. Ebenso gehört die Befähigung dazu, Formen der Desinforma­tion zu erkennen. Ziel ist ein souveräner und selbstbestimmter Umgang mit Informationen als Grundlage der Meinungsbildung und der Handlungsfähigkeit in einer digitalisierten Gesell­schaft.

Meinungsbildungskompetenz bezeichnet die Fähigkeit, Informationen zu kontextualisieren, auf Basis des eigenen Wissenshorizontes zu bewerten sowie damit verknüpfte gesell­schaftliche und ethische Fragestellungen zu reflektieren. Ziel ist es, einen eigenen Stand­punkt bzw. eine Haltung als individuelle stabile Position zur Gesellschaft und zur Welt zu entwickeln. Meinungsbildung wird dabei als ein Prozess verstanden, in dem die Beurteilung der erhaltenen Informationen und der damit verknüpften Sachverhalte immer wieder über­prüft wird. Meinungsbildungskompetenz basiert auf der Informationskompetenz als metho­dischem Wissen und erfordert zudem die Fähigkeit des Zuhörens sowie dialogische Intelligenz.

Warum diese Fähigkeiten in den Bildungsplänen berücksichtigt werden sollten, welche Aspekte sie umfassen und wie sie narrativ vermittelt werden kann, soll im Folgenden näher ausgeführt werden. (…) …“


[1] Vgl. hierzu https://www.youtube.com/watch?v=XAqAv843DF4.

[2] Weitere Angaben zum Projekt unter https://www.hdm-stuttgart.de/digitale-ethik/forschung/forschungsprojekte/Digitaldialog21.