Auszug aus der Schriftenreihe „Mensch und Digitalisierung“.

Wir stellen hier einen Textauszug aus dem Band „Entwirklichung der Wirklichkeit – Von der Suche nach neuen Sicherheiten“ zur Verfügung. Thomas Laubach (Weißer), Professor für Theologische Ethik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, beschäftigt sich mit dem Auflösen von Grenzen und den Folgen für den Einzelnen sowie für die Gesellschaft.

„ … Digitalisierung, nur auf den Menschen bezogen, entgrenzt in diesem Sinne in zweierlei Hinsicht. Zum einen auf der Mikroebene, indem sie dabei hilft, immer genauer und detaillierter individuelles menschliches Leben zu erfassen, zu analysieren und zu bewerten. Zudem ermöglicht die Digitalisierung, dass das individuelle Denken, Handeln und Sagen weltweit geteilt wird. Mehr noch: Dass Menschen überall auf dem Globus mit allem überall – zumindest theoretisch – verbunden sind oder sein können. Zum anderen zeigt sich dieses auf der Makroebene, auf der soziales Agieren von Individuen, Gesellschaften, Staaten oder Staatenverbünden unauflösbar miteinander verbunden wird.

Zur Mikroebene. Die Prozesse auf dieser Ebene hat der Soziologe Christoph Kucklick mit dem Topos „Granularität“ (Kucklick 2016, 10) begrifflich gefasst. Granularität beschreibt das Maß der Körnung, der Auflösung. Auf die Gesellschaft bezogen übersetzt das Kucklick so:

„Wir selbst und unsere Gesellschaft werden auf eine neue Weise vermessen. Unsere Körper, unsere sozialen Beziehungen, die Natur, unsere Politik, unsere Wirtschaft – alles wird feinteiliger, höher auflösend, durchdringender erfasst, analysiert und bewertet denn je. Wir erleben: eine Neue Auflösung.“ (Kucklick 2016, 10)

Diese durch die Digitalisierung erhöhte Auflösung zeigt sich in vielen Lebensbereichen: Krankheiten werden digital immer genauer vermessen, Interessen und Konsumwünsche durch Algorithmen immer präziser bestimmt, Standorte detaillierter ausgemacht, Entwicklungen etwa im Lebenslauf feiner erfasst.

Zur Makroebene. Hier zeigt die 2020 grassierende Pandemie des Coronavirus SARS-CoV-2 und die aus dem Virus resultierende Lungenkrankheit Covid-19 nicht nur, wie vernetzt die Welt ist. Sondern sie führt eindringlich vor Augen, dass diese Vernetzung nur auf der Basis von Digitalisierung überhaupt erst möglich ist. Touristen, die die Viren weiterverbreiten, buchten online ihre Unterkunft, Informationen wurden digital distribuiert, aufgrund der Pandemie absinkende Börsenkurse konnten nur mit Hilfe leistungsstarker Rechner bewältigt werden, Forscher tauschten sich in Videokonferenzen aus, Handydaten sollten zum Tracking Infizierter genutzt werden. Die hier beispielhaft aufgeführten Entwicklungen lassen Digitalisierung als Entgrenzungsphänomen deuten. Sie ermöglicht eine weltweit datenvernetzte Welt, in der praktisch jeder Lebensbereich Teil eines globalen Datenstroms ist.

Die Ethik steht sowohl hinsichtlich der Mikroebene wie der Makroebene vor dem Problem, dass die einzelnen moralischen Probleme und Konflikte zugleich spezieller und zugleich individueller werden. Große Lösungen, allgemeine Regeln schaffen immer neue Fragen nach Ausnahmen, dem Umgang mit kleineren oder größeren Abweichungen und den Unvergleichbarkeiten individueller und sozialer Lagen. So finden sich etwa im Diskurs über das viral gegangene Bild des toten Alan Kurdi ganz konträre Positionen wieder: So hieß es einerseits, das Bild solle gezeigt werden, um das „historische Versagen unserer Zivilisation“ zu dokumentieren, weil es das „Symbol einer humanitären Katastrophe“ geworden sei, andererseits bearbeiteten manche Medien das Foto, indem sie es verpixelten oder die Konturen des Kindes weiß einfärbten (Alle Zitate in: Schicha 2019, 143-144). Letztlich geht also mit der digitalisierten Entgrenzung auch eine moralische Entgrenzung einher.

Besichtigen lässt sich dies im gesellschaftlichen Kontext. Vor allem mit rechtlichen und politischen Mittel versuchen Staaten und Gesellschaften die Digitalisierung zu regeln und so zu zähmen (Vgl. Branahl 2010, 9-11; Branahl 2019).

Die Digitalisierung als Entgrenzungsphänomen ist kein singuläres Ereignis. Sie steht im Kontext der grundsätzlichen Umwälzung, die der neuzeitliche Entwicklungsprozess mit dem Begriff der Moderne gefasst hat (Anzenbacher 1998, 41). Dieser Prozess bewirkte eine signifikante Prägung, Strukturierung und Ausdifferenzierung des Individuellen und Sozialen in all seinen Dimensionen. Als zentrale Kennzeichen der Moderne lassen sich die Herauslösung des Menschen aus einer Welt verstehen, in der stabile Beziehungen, verlässliche Institutionen und haltbare Gemeinschaften die Regel waren, sowie die Normativität des Wandels, in der die einzige Konstante im Leben die Veränderung ist (Niederberger 2011, 26).

Herausgelöst wird der Mensch aus dauerhaften Beziehungen und Lebenszusammenhängen. An ihre Stelle treten befristete Verhältnisse. Sie betreffen Beruf („Generation Praktikum“), Wohnort („moderne Nomaden“) oder Partnerschaft („Lebensabschnittspartner*in“). Dieser Herauslösungsprozess betrifft auch Regeln, Üblichkeiten und Konventionen des Zusammenlebens. Konzepte wie Wertewandel oder Sinn- und Glaubensverlust markieren diesen Aspekt. Diese Veränderungen bringt der französische Soziologe Marc Augé auf den Punkt: Mit seiner Rede von den Nicht-Orten (Augé 2012) beschreibt er, dass sich das Leben der Menschen wie der Gesellschaften zunehmend in Transiträumen und Durchgangsstationen vollzieht. Kurz: In »Nicht-Orten«, in unbehausten und heimatlosen Verhältnissen.

Wie relevant diese Herauslösung für ethische Fragen ist, zeigt sich schon begrifflich. Etymologisch kommt die Ethik vom griechischen ethos, das die Sitte, den Charakter, die gewohnte Umgebung kennzeichnet. Gerade dieser gewohnte Raum des Lebens und Handelns verflüchtigt sich in der Moderne. Individuen und Gesellschaften müssen sich deshalb in modernen Zeiten mit enormer Anstrengung immer wieder neu vergewissern, was gilt und was richtig und gut ist. Es gibt keine Üblichkeiten mehr, die einem diese anstrengende Arbeit abnehmen und das Orientierungsdefizit des Menschen in sittlichen Fragen kompensieren.

Ethisch lässt sich die Lage wie folgt beschreiben: Herauslösung, Unbehaustheit und die Normativität des Wandels geben sich einerseits in einem Normdefizit und andererseits in einem Akzeptanzüberschuss zu erkennen.

Normdefizit heißt, dass es nur noch wenige übergreifende Normen in der Gesellschaft gibt. Zwar gibt es Grundprinzipien, die etwa in der Verfassung festgeschrieben sind. Zwar gibt es seine Vielzahl von Üblichkeiten, von „man tut dies oder das“. Aber universale, übergreifende Normen in der Gesellschaft sind Mangelware. In Bezug auf die Digitalisierung heißt das etwa: Für die Kommunikation im Netz gibt es nicht eine, sondern viele Arten und Weisen.

Akzeptanzüberschuss meint,dass die Gesellschaft im hohen Maße fast alle Handlungen akzeptiert und nicht (mehr) sanktioniert. Nur wenige, unverzichtbare Handlungsmaßstäbe werden aufrechterhalten. Zu besichtigen ist dies auch bei social media. Plattformen wie Facebook, Instagram, TikTok oder andere lassen so gut wie alles zu – Einschränkungen wie etwa eine ‚Zensur‘ bei Nacktdarstellungen ausgenommen.

Das entgrenzende Moment der Digitalisierung gehört in diesen Kontext hinein. Nicht die Digitalisierung geht mit einer Entgrenzung einher, sondern die Prozesse der Entgrenzungen innerhalb der Moderne lassen sich auch und in erhöhtem Maße bei der Digitalisierung ausmachen.

Die Digitalisierung geht in vielerlei Hinsicht für viele Menschen mit einer enormen Freiheitserfahrung einher. Es ist möglich, von zu Hause aus Waren, Dienstleistungen oder Zugreisen zu bestellen, am Tablet die ganze Welt in die eigenen vier Wände zu holen, unbegrenzten Zugang zu Informationen zu haben, den eigenen Arbeitsplatz frei zu wählen, per Video mit Freunden auf der anderen Seite des Globus zu kommunizieren, Orte auf der Karte anzusehen, zu denen man vielleicht einmal reisen will.

Dieser erste Zugang macht deutlich: Die Digitalisierung macht frei von Zwängen und ermöglicht neue Freiheitsspielräume. Kurz: Sie entgrenzt menschliches Leben. Allerdings trägt ein systematischer Blick auf den Grenzdiskurs an diese Vorstellung Fragen heran. Sicher: Grenzen markieren sowohl lebensweltlich wie denkerisch eine Beschränkung von Freiheit. Freiheit ist in diesem Sinne immer mit der Möglichkeit der Grenzüberschreitung verbunden. Mehr noch: An Grenzen stößt nur der, der darüber hinausdenken, hinaushandeln, hinausplanen kann, der Mensch, der sich etwas jenseits einer bestimmten Begrenzung vorstellen kann. Von Grenzerfahrung kann somit nur sinnvoll im Modus freiheitlichen Denkens und Erlebens gesprochen werden.

Doch kommt damit der Grenzdiskurs nicht an sein Ende. Denn paradoxerweise geht jede Grenzüberschreitung mit einer neuen Grenze einher. Jenseits der Grenze winkt nicht das Unbegrenzte, sondern stets nur das Neu- oder Anders-Begrenzte. Grenze und Entgrenzung sind dialektisch aufeinander bezogen. Diese Dialektik erfahren beispielsweise Jugendliche, die sich frei im Netz bewegen wollen, aber darin begrenzt werden: Durch den Jugendschutz, ihre beschränkten finanziellen Mittel, ihre manchmal nur rudimentären technischen Kenntnisse, die AGBs von Apps und Stores, das eigene Können und so weiter. Sollte dann eines der Hindernisse überwunden werden, so tun sich unweigerlich neue Begrenzungen auf.

Grenzüberschreitung und neue Grenzziehung sind somit zwei Seiten der gleichen Medaille. Sie sind handlungsleitend, mithin vor allem ethisch relevant. So ließe sich auch formulieren: Moral sorgt für Grenzziehungen etwa bei Regeln im Umgang von Menschen im Netz, wie auch Moral selbst an der Grenze steht, zum Beispiel durch Sanktionen bei unerlaubten Grenzüberschreitungen etwa hinsichtlich von Datenspeicherung. Schließlich ‚blickt‘ Moral auch über Grenzen, wo Handlungen und Entwicklungen kategorisch ausgeschlossen werden. So etwa, wenn bestimmte KI-Anwendungen in militärischen Zusammenhängen nicht eingesetzt werden sollen (Welchering 2019).

Einer Abschaffung der Grenze das Wort zu reden wäre damit lebensweltlich blind und analytisch problematisch. Phänomenologisch lässt sich festhalten, dass Menschen Grenzen brauchen. Denn erst diesseits der ‚sicheren’ Zonen des Handelns und Lebens, erst im Bewusstsein, dass es bestimmte moralische, politische und soziale Grenzen gibt, ist freiheitliches Handeln denkbar, ist Leben möglich. Das macht etwa die Hate Speech (Vgl. Brodnig 2016; Kang et al. 2020; Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2016, Wegner et al. 2020) im Netz deutlich: Gibt es keine anerkannten Grenzen für die sogenannte Hassrede, ist ein Übergriff jederzeit möglich. Und wie schwer das Leben, das von Hate Speech betroffen ist, zu stemmen ist, davon berichten unzählige Opfer.

Deutlich wird: Die Digitalisierung kennt bei aller Freiheitsermöglichung auch Limits, kennt Begrenzungen. In doppelter Hinsicht. Zum einen ist, wie die Beispiele oben zeigen, die Digitalisierung selbst ein Prozess, der von Grenzziehungen begleitet ist. Zum anderen ist aber auch die Digitalisierung selbst begrenzt. Das fängt schon bei der technischen Seite an: Wenn Schulen, die online arbeiten wollen, keine ausreichende Ausstattung besitzen, wenn der Breitbandausbau lahmt, wenn keine Fachkräfte für den Ausbau des IT-Sektors zu finden sind. Zudem ist auch die Zugänglichkeit eine nicht zu unterschätzende Grenze. Obwohl das Netz allgegenwärtig erscheint, hatte Ende 2018 nur die Hälfte der Menschheit Zugang zum Internet (Broadband Commission for Sustainable Development 2018). Und mitten in der Coronapandemie 2020 zeigt sich, dass auch in Deutschland etwa eine Vielzahl von Kindern über keine Möglichkeit verfügt, an einem digitalen Unterricht vollumfänglich teilzunehmen. …“

Erschienen im kopaed-Verlag, München

Literatur:

Kucklick, Christoph: Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst, Berlin 2016.
Schicha, Christian: Medienethik. Grundlagen – Anwendungen – Ressourcen, München 2019.
Branahl, Udo: Medienrecht. Eine Einführung, Wiesbaden 82019.
Branahl, Udo: Was Medien dürfen: Grundlagen und Grenzen der Medienfreiheit, in: Bundeszentrale für politische Bildung/bpb (Hg.): Informationen zur politischen Bildung 309 (2010) 9-11.
Anzenbacher, Arno: Christliche Sozialethik. Einführung und Prinzipien, Paderborn u.a. 1998.
Niederberger, Lukas: Ja oder Nein, in: Publik-Forum Nr. 15 (12.08.2011) 26.
Augé, Marc: Nicht-Orte, München 32012.
Welchering, Peter: KI-Systeme im Militär, in: DLF (26.09.2019); https://www.deutschlandfunk.de/autonome-waffen-ki-systeme-im-militaer.676.de.html?dram:article_id=459749.
Brodnig, Ingrid: Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können. Wien 2016.
Kang, Myungkoo/ Rivé-Lasan, Marie-Orange et al. (Ed.): Hate Speech in Asia and Europe: Beyond Hate and Fear, New York u.a. 2020.
Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.): JIM-Studie 2016, Stuttgart 2016.
Wegner, Juliane/ Prommer, Elizabeth (u.a.): Integration oder Desintegration durch Angriffe auf Autor*innen aus dem Netz: Das freie Wort unter Druck? in: Gehrau, Volker u.a. (Hg): Integration durch Kommunikation: Jahrbuch der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft 2019, Münster 2020, 89-98, https://doi.org/10.21241/ssoar.66879.
Broadband Commission for Sustainable Development (Ed.): The State of Broadband 2018: Broadband catalyzing sustainable development (09.2018); http://handle.itu.int/11.1002/pub/810d0472-en.